Nimm Du sie, ich brauche sie nicht mehr…

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Wenn ein Mensch stirbt, ist das meistens tragisch und traurig für Verwandte und Bekannte; in Ausnahmefällen lustig für Menschen, die den Verstorbenen nicht gekannt haben  (siehe Darwin-Award); meistens sinnlos, aber in Ausnahmefällen sinnvoll. Wann aber kann ein Tod sinnvoll sein? Die Menschen bemühen sich seit Jahrhunderten, dem Leben einen Sinn zu geben. Damit sind sie allerdings nicht durch die Bank erfolgreich. Ganz im Gegenteil: Nachdem es sich in der gebildeten, zivilisierten Welt (Die Kornkammer der USA schließe ich da explizit aus) herumgesprochen hatte, dass es keine unsichtbaren übermächtigen Freunde im Himmel gibt – kein Paradies für die Seligen, keine Hölle für die Sünder – stürzte das viele in eine Sinnkrise. Viele halten ihr und das Leben im Allgemeinen für sinnlos oder sinnentleert. Mangels eines höheren Wesens, dessen höherer, aber für uns kleine Würmer undurchschaubarer Plan es ist, Kindern Knochenkrebs zu verpassen und einen malignen Narzissten von den Einwohnern der Kornkammer der USA an den roten Knopf zu setzen, gibt es niemanden, dem man all das in die Schuhe schieben kann – oder anhand von dessen höherem Willen man den Sinn seines Lebens ableiten kann.

Stattdessen ist man darauf angewiesen, für sich selbst einen solchen Lebenssinn zu finden. Wer es als größte Freude und intellektuelles Highlight seines Lebens empfindet, das „Dschungelcamp“ mit einer Familienpackung Chips auf der Couch anzugucken, dem möchte ich in der darin implizierten Annahme nicht widersprechen, dass sein Leben tatsächlich relativ sinnlos ist. Ich würde dem sogar zustimmen, doch das ist mir zu anstrengend – darauf komme ich gleich noch.

Entgegen der Annahme, dass einem sinnlosen Leben ein sinnloser Tod folgen müsste, gibt es eine Möglichkeit, als dann nicht mehr nur geistig, sondern auch körperlich Toter auch abgesehen von den Fernsehgebühren etwas zum Wohle der Gemeinschaft beizutragen. Sie haben recht: Ich denke da an Ihre inneren Werte. So wie Leber, Nieren, Herz, Lunge, Hornhaut (die der Augen!) und auch Knochen. Eine Organspende kann so viel Gutes tun – und doch entschließen sich die meisten Deutschen dagegen. Aktiv dagegen? Nein. Dagegen durch Unterlassung. Es ist natürlich unangenehm, sich mit dem Gedanken an den eigenen Tod auseinanderzusetzen. „Memento Mori!“ ist ja auch keine besonders freudige Erinnerung.

Doch genau das muss man ja tun, wenn man den Organspenderausweis ausfüllt. Wer will das schon freiwillig tun?  Die Deutsche Gesetzgebung hat es an dieser Stelle leider versaut. Vor nicht allzu langer Zeit gab es eine Neuauflage des Transplantationsgesetzes. Das wäre die Chance gewesen, es wie in Österreich zu regeln: Opt-out, statt Opt-in. Das heißt: Wenn ich nicht will, kann ich der Organspende widersprechen – wenn ich nicht widerspreche, dann bin ich mit der Organspende einverstanden. Damit wäre jeder ab 18 Organspender, bis er der Organspende widerspricht. So ist das in Österreich. In Deutschland müssen wir zustimmen, dass wir unsere Organe spenden wollen. Da das ein aktiver Vorgang ist, der auch noch mit einem schwierigen Thema zusammenhängt, über das wir am liebsten gar nicht nachdenken möchten, tun wir: nichts.

Menschen zu einer Zustimmung zu bewegen ist ungleich schwieriger, als ihnen die Wahl zu lassen, etwas abzulehnen. Wenn Sie mal in einer Diskussion in einem Wirtshaus oder im Verein die Menschen für sich und Ihre Sache gewinnen wollen, rate ich Ihnen zu der Frage: „Wer ist dagegen, dass wir das so und so machen?“ Meistens ist die Abstimmung damit vorbei. So hätte es auch bei der Organspende sein können. Aber nein, der Gesetzgeber hat diese Chance verpasst und deshalb müssen wir so unsägliche Werbung wie diese hier ertragen, die bewirken soll, dass man sich aufrafft. Allein die Post der Krankenkassen an ihre Mitglieder mit einem Organspenderausweis und der Bitte, ihn auch auszufüllen, hat Millionen gekostet, die man viel sinnvoller hätte einsetzen können. Zum Beispiel für Waffenlieferungen in den Nahen Osten, iPhone Spenden nach San Francisco, dem BER unter die Arme bzw. Startbahn greifen,  oder es gibt so viele Möglichkeiten Geld zu verbrennen, doch ich schweife schon wieder ab.

Ich erinnere mich an eine Organentnahme bei einer jungen Krankenschwester. Sie hatte einen Unfall mit ihrem Motorroller auf dem Weg zur Arbeit gehabt. Den Riemen des Helms hatte sie lässig offen gelassen, so dass dieser bei dem Unfall weg flog und ihre Schädelplatte infolgedessen die ungebremste Bekanntschaft mit dem Teer der Straße machen konnte. Während das Entnahmeteam seine Arbeit machte, zeigte mir der Anästhesie-Pfleger die Akte und deutete mit dem Finger auf ihr Geburtsdatum. Es war ihr Geburtstag. Sie war 21 Jahre alt geworden. „Memento Mori!“. Ich starrte für einen sehr langen Moment lang das Blatt an. Auf der anderen Seite wurde gerade ihr Herz entnommen. Dann wurde mir klar, dass an diesem Tag noch mehr Menschen Geburtstag feiern würden. Zwei davon mit einer neuen Niere und einer mit einer kombinierten Herz -Lungentransplantation.

„Ein Toter ist jemand, der größtmögliche Gleichgültigkeit jedwedes an ihn herangetragenen Anliegen zeigt.“  Ambrose Bierce

Insbesondere zum Thema Organspende möchte ich noch einmal ausdrücklich an Sie appellieren: Füllen Sie den Ausweis aus, es ist eines der besten Dinge, die Sie tun können –  mit oder ohne Dschungelcamp.

 

6 Gedanken zu “Nimm Du sie, ich brauche sie nicht mehr…

  1. Dazu habe ich eine Frage: Was ist mit der Tatsache, dass es einen großen Unterschied zwischen „klinisch tot“ und „tot“ gibt?
    Leider steht dazu in diesem Artikel nichts.
    Wenn jemand im klinisch toten Zustand schon tot wäre, dann wäre er ja nicht nur „klinisch tot“. Sondern einfach tot.
    Heißt umgekehrt: Um Organe transplantieren zu können, muss diejenige Person lebendig sein. Das wird den Menschen immer nicht mit verkauft im ansonsten tollen Gesamtpaket. Heißt: Man muss einen Menschen, der als „klinisch tot“ gilt – aber eigentlich relativ lebendig ist – erst töten. Das tut man durch die Entnahme der Organe.
    Ich weiß nicht, ob ich das möchte. Und ich glaube, wenn man das den Menschen so erzählen würde wie es wirklich ist, dann wäre die Bereitschaft zur Spende noch geringer.
    Wir werden ja nicht unmittelbar angelogen mit der Story, sondern es wird einfach die wesentliche zweite Hälfte weggelassen. Mir ist das aber schon wichtig. Und ich glaube, dass jeder Mensch, der mit diesem Thema konfrontiert werden würde, ebenfalls ganz gerne die ganze Wahrheit erfahren möchte.

    Denn: Es gibt Fälle, in denen Menschen wieder aufgewacht sind, obwohl sie als „klinisch tot“ galten.
    Ich bin weder für oder gegen die Organtransplantation. Nicht falsch verstehen. Ich bin hier tatsächlich für mich selbst noch unentschieden. Aber ich lege großen Wert auf komplette und korrekte Erklärungen. Und die Kehrseite der ansonsten lupenreinen weißen Weste der Organtransplantationsindustrie wird uns in aller Regel nicht mit verkauft. Weil es natürlich auch keinen Profit bringt, wenn Menschen weniger spenden.
    Aber natürlich auch keine weiteren Leben rettet, dessen bin ich mir bewusst. Keine Sorge.

    Ein Opt-Out lehne ich hingegen entschieden ab. Heute ein Opt-Out zum Thema Organstransplantation. Morgen ein Opt-Out für das eigene Testament, hast Du keines, dann gehts direkt an den Staat oder an dir Kirche. Das Spiel können wir immer weiter spielen. Nein danke, so viel Freiheit möchte ich dann schon noch selbst haben. Man zieht uns jeden Tag Geld aus der Tasche, überall. Egal ob wir wollen oder nicht. Steuern hier und Steuern da. Aber über MEINEN Körper, wenigen über meinen Körper, möchte ich noch selbst entscheiden dürfen. Irgendwo ist dann mal jede Grenze erreicht.

    Jetzt wurde das mal ein kritischer Kommentar in der Sache.
    Aber ich finde Deinen Schreibstil wirklich toll. Werde öfter vorbei schauen! 🙂

    1. Danke für Deine wichtige Frage! Gleich vorweg Opt – Out beim Testament gibt es längst. Keiner muss ein Testament machen, wer keines hat, hat Opt – Out gewählt bzw. gewählt nix zu tun und d.h. Testament zu verfassen, und die gesetzliche Erbfolge, inklusive Erbsteuer greift.
      Jetzt zur anderen Frage, wie Tot ist tot?
      Klinisch tot ist jemand der einen anhaltenden und nicht wieder umkehrbaren totalen Kreislaufstillstand hat. Jemand der den hat kann man aber nicht ohne weiteres als Spender einsetzen, da die Organe sobald ein Kreislaufstillstand besteht innerhalb von Minuten anfangen Schaden zu nehmen. Und eine halb verfaulte Niere will auch keiner. Deshalb wurde in den 90zigern das Konzept des Hirntodes eingeführt. Organspender sind meistens Patienten, die eine schwere Schädigung des Gehirns erlitten haben, die anderen Organe, je nach Fall, sind nicht kaputt. Um einen Hirntod festzustellen, und damit das erlöschen dessen was wir uns unter „Mensch sein“, Persönlichkeit, und Bewusstsein vorstellen, müssen einen Reihe von Voraussetzungen gegeben sein. Dann müssen zwei unabhängige Ärzte, die Erfahrung in dieser Diagnostik haben und beide nicht an einer Transplantation beteiligt werden, jeweils, im Abstand von 12h, einander eine Reihe von Tests durchführen um den irreversiblen Tod des Gehirns fest zu stellen. Die Tests sind relativ kompliziert, deshalb nur darin erfahrene Ärzte. Genauer hier: http://www.organspende-wiki.de/wiki/index.php/Hirntoddiagnostik
      Wenn das der Fall ist, ist der Mensch Hirntod und wird nie wieder Aufwachen. Es gibt weltweit keinen einzigen Fall. Damit ist die Diagnose Hirntod, die wahrscheinlich sicherste aller Diagnosen in der Medizin.
      Zu Deiner Frage der „Industrie“. In Deutschland bekommt ein Krankenhaus für eine Organentnahme ca. 4000,- €. Das ist, die Intensivtherapie und Arbeitskraft eingerechnet eher ein Verlustgeschäft. Deshalb ist in kleineren Krankenhäusern die Bereitschaft, sich die Mühe zu machen, Diagnostik durch zu führen, Spender in gutem Zustand auf der Intensivstation zu erhalten ziemlich gering. Ist bitter, so wie „Fernet branka, life is bitter“. Die Entnahmeteams, die aus der Universität an ein kleineres Hausgeflogen werden machen das in ihrer Dienstzeit und bekommen nichts extra dafür.
      Was Du jetzt damit machst kannst Du ganz selbst entscheiden. Danke, dass Du überhaupt darüber nachdenkst!

  2. Danke für Deine ausführliche Antwort.
    Das mit dem Opt-Out bzgl. dem Testament war tatsächlich auch genau so gemeint. Dass es das eben im Bereich der Testamente bereits gibt, ist schlimm genug. Man muss in dieser Sache also erst einmal AKTIV etwas tun (ein Testament aufsetzen), damit nicht einfach ein Standardfall angenommen und meine Hinterlassenschaft nach Gutdünken verwertet wird. Das alleine halte ich schon in der Form für nicht gut, aber da geht es auch nur ums Geld.
    Meine Kritik bezog sich daher auf die Frage, ob das mit meinem eigenen Körper ebenfalls so geschehen soll. Verwertung ohne gefragt zu werden. Das lehne ich ab.

    Zum Thema „klinischer Tod“. Das war natürlich ein Fauxpas von mir, Verzeihung. Ich meinte natürlich „hirntot“, nicht „klinisch tot“. Klinisch tot leuchtet mir ein. Beim Hirntod sehe ich das im Moment noch anders.
    Denn dazu habe ich einmal in einem Vortrag gehört, dass dem Patienten, dessen Organe wie Ersatzteile aus einem Auto in einer Autowerkstatt entnommen werden (sorry für die zynische Kritik, ich kann nicht anders), vor der Entnahme verschiedene Flüssigkeiten injiziert werden, damit er auch absolut und garantiert nichts von der Maßnahme mitbekommt. Das sollen, soweit ich es im Kopf habe, die gleichen (?) oder ähnliche Stoffe wie bei der Injizierung der Giftspritze bei der Todesstrafe, z. B. in den USA, sein.
    Diese bewirken, dass der Patient, so er denn doch noch (entgegen der aktuellen Lehre in der Schulmedizin) in der Lage sein sollte das gerade stattfindende Geschehen zu spüren, auch garantiert „kalt gestellt“ wird.
    Dazu frage ich mich, warum das denn notwendig sein soll, wenn der Patient doch schon angeblich nichts mehr spüren kann – weil er hirntot ist. So tot wie er ist, müsste man doch nach logischem Verstand keine zusätzliche Giftspritze mehr setzen, die die Muskeln komplett erschlaffen lässt, damit sich der Patient gegen das Aufschneiden und Entnehmen von Organen nicht wehrt. Weder äußerlich noch innerlich.

    Das ist eine komplexe Materie, dessen bin ich mir bewusst. Und da geht es mir auch stark um moralische Fragen. Aber es ist sehr spannend das aus Deiner Sicht geschildert zu bekommen. Du kannst Dir also sicher sein, dass ich Deine Ausführungen sehr interessiert gelesen habe.
    Das mit der „Organtransplantationsindustrie“ hört sich im ersten Moment natürlich nach einer Pauschalkritik an, das ist mir klar. Tatsächlich gibt es wie überall weiße und schwarze Schafe. Aber ich glaube, dass mit dem illegalen Organhandel – nicht auf Deine offiziellen 4000 Euro bezogen – ein richtig lebendiges Geschäft betrieben wird, im doppelten Sinne. 😉
    Vor einiger Zeit gab es da mal einen bekannt gewordenen Skandal an der Uniklinik Göttingen. Ich will das gar nicht auf diesen Einzelfall beziehen, sondern eben eher übergeordnet als generelle Frage in den Raum stellen.
    Dennoch hier zum Beispiel ein Bericht im Spiegel dazu:
    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/organspende-skandal-an-uniklinik-goettingen-arzt-soll-akten-gefaelscht-haben-a-845496.html

    Viele Grüße und ich freu mich, dass Du seit gestern meinem Blog folgst. Trotz der kritischen Fragen von mir. Das schätze ich sehr! 🙂

  3. danke für den wunderbaren artikel!

    ich möchte noch weitergehen als „opt-out“. meiner ansicht nach müsste sich jeder bundesbürger ab seinem 18. lebensjahr (bei noch bester gesund) für oder gegen den organspenderausweis entscheiden. im fall des falles, würde er/sie mit ausweis dann ein organ erhalten. im negativen fall eben nicht. ganz im sinne einer solidargemeinschaft.

    viva la reanimacion!

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