Grün und Blau

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Karl Eugen, der zwölfte Herzog von Wittenberg, hat anno dazumal 77 Kinder als seine Sprösslinge anerkannt. Insgesamt sagt man ihm bis zu 400 (!) eigene Kinder nach. Rein rechnerisch benötigt man dafür mehr als eine Mutter. Wer sich auf ein solches Unterfangen einlässt, braucht einen Plan. Den hatte er offensichtlich, denn er ließ diejenigen Damen am Hofe, mit denen er schon das Vergnügen gehabt hatte, blaue Socken tragen. Die blauen Socken erinnern mich irgendwie an andere „Funktionskleidung“. Wobei mit Sicherheit noch nie jemand gesagt hat: „OP-Kleidung ist sexy“ – vor allem niemand, der jemals welche tragen musste. Einer der psychologischen Kniffe zur Demoralisierung von Gefangenen besteht darin, ihnen schlecht sitzende, unmodische Einheitskleidung zu verpassen. So steht es jedenfalls in den Empfehlungen der US-Behörden, die für so malerische Orte wie Guantanamo Bay zuständig sind. Durch die schlecht sitzende Kleidung soll den Insassen das Selbstbewusstsein genommen werden. Das funktioniert natürlich nur, falls a) vorher Selbstbewusstsein vorhanden war und b) man vorher gut sitzende Kleidung getragen hat.

Falls ich einmal in die Verlegenheit kommen sollte, dass man mir mit schlecht sitzender, unpassender Kleidung mein Selbstbewusstsein nehmen möchte: Viel Erfolg damit!  OP-Kasacks gehören zu der Kleidungskategorie, die man in der Modewelt als „Sack“ bezeichnet. Kurzärmlig, gerade geschnitten, mit einer Brusttasche und zwei Seitentaschen auf Hüfthöhe. Der übliche V-Ausschnitt, ist „überschnitten“.  Die Einheitsgrößen sind in römisch in I bis IV unterteilt. Wobei in der Umkleide zu beobachten ist, dass immer nur die Größen vorhanden sind, die am wenigsten gebraucht werden. Also I und IV Aus einem Größe-IV-Oberteil kann man ein Drei-Mann-Zelt bauen. Einer 1,50-Schwester mit 50 kg reicht das Teil bis zu den Knöcheln. Wie die Logistik funktioniert, so dass in ausnahmslos allen Krankenhäusern, in denen ich bis jetzt gearbeitet habe, die am häufigsten gebrauchten Größen immer Mangelware sind, ist mir ein Rätsel.  Wenn man herausfinden könnte, wie es verschiedene Menschen und Firmen immer wieder schaffen, den selben Zustand in ganz unterschiedlichen Teilen der Republik und sogar in anderen Ländern herzustellen – und wenn man dieses Uhrwerk der Präzision auf sinnvolle Dinge übertragen könnte, wären Hungersnöte weltweit kein Problem mehr. Leider wird dieses Geheimnis streng gehütet.

Zwar schmeichelt die Form nicht dem Körper, doch  die Farben schmeicheln dem Auge. Nicht dass ich selbst mehr als die Grundfarben mit dem bloßen Auge auseinanderhalten könnte: Ich wusste bis vor kurzem ja nicht einmal, was für eine Farbe Cyclam eigentlich ist . Es gibt im Wesentlichen im OP nur vier Möglichkeiten: Weiß ist für den OP denkbar ungeeignet (Körperflüssigkeiten auf weißem Stoff – die Reinigung freut sich). Rot (OK, nicht Rot-Rot, sondern ein eher ein ins Cyclam gehende Korallenrot), ist auch nicht optimal. Man sieht darauf zwar das Blut nicht mehr so gut, doch die Komplementärfarbe Grün ist für das Auge angenehmer. Deshalb sind fast überall auf der Welt die Kasacks für den OP entweder grün oder blauüberwiegend grün.

Auf den Stationen wird meistens Weiß getragen, das hat so etwas Reines. Außerdem hat das geschulte Auge (also alle, die nicht komplett farbenblind sind), damit die Chance, Funktionsabteilungsmitarbeitern anzusehen, ob sie sich – wie sich das eben gehört, wenn sie die Funktion (OP) verlassen und zum Essen gehen und sofern sie das zeitlich hinbekommen – auch brav umgezogen haben. In Deutschland ist das hygienisch so vorgeschrieben. In den USA kann man in der OP-Kluft auch nach Hause fahren und am nächsten Morgen mit denselben Klamotten aus der U-Bahn in den OP schlurfen. Im OP tragen meistens alle grünen oder blauen Kasacks. Meistens einheitlich.  Bei uns gibt es eigentlich auch nur eine Farbe: Grün. Doch seit einiger Zeit sieht man immer häufiger Schwestern auch mit blauen Klamotten im OP. Wenn ich jetzt an Karl Eugen zurückdenke, frage ich mich, ob es da in der farbigen Kennzeichnung vielleicht einen Zusammenhang gibt. Ich schwöre Ihnen: Ich habe damit nichts zu tun.

PS: Sinnlose Superkraft: Sich absolut alles merken können, allerdings nur die Sachen, an die man sich nie wieder im Leben erinnern braucht. (Hallo Jezabel;-)

2 Gedanken zu “Grün und Blau

  1. ein anderes mysterium in jeder op-umkleide: entweder – falls die hose mit einem hüftband zugebunden werden muss – ist bereits ein unlösbarer knoten drin oder das band fehlt ganz. im anderen fall – gummizug – ist das gummi ausgeleiert.
    die letzten rätsel der menschheit!

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