Wabi-Sabi in der Medizin

Wabi-Sabi

-„Ich mag diese verwelkte Blüte!“

Das sagte ein Freund und sah der Bedienung nach, die gerade unseren Tisch verließ, nachdem sie uns zwei frisch gezapfte Bier gebracht hatte.

-„Wabi-Sabi.“, sage ich.

-„Wabi-was?“

Es gibt viele besondere Momente in der Medizin, die das Berufsleben in diesem Feld so wertvoll machen. Manchmal ziehen sie an einem vorbei, ohne dass man sie wahrnimmt. Oft muss man in seinem eigenen Gehetztsein innehalten, um sie zu erkennen. Momente der Dankbarkeit, des Staunens, der Ehrfurcht, der Demut, der Schönheit und der Freude. Derer gibt es viele für die, sich zur Arbeit in der Medizin berufen fühlen, ganz gleich mit welcher Qualifikation oder in welcher Disziplin.

Wabi-Sabi hat nichts mit der grünen Meerrettichpaste zu tun, die man als Beiwerk zu Sushi gereicht bekommt. Es ist ein philosophisches, ästhetisches Konzept aus Japan, dessen Ursprung in der Teezeremonie liegt. Das hat erst einmal gar nichts mit der Medizin zu tun. Wabi-Sabi bedeutet in einem Satz zusammengefasst so viel wie: Die Schönheit im Unvollkommenen erkennen. Es bezeichnet die Schönheit unvollkommener Dinge. Wabi-Sabi entwickelte sich als Gegenbewegung zur mit Gold überladenden chinesischen Teezeremonie im 16. Jahrhundert. Das Konzept lässt sich in Japan allerdings schon bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. „Wabi“ bedeutet ursprünglich elend, einsam und verloren, fern der Gesellschaft. „Sabi“ hingegen heißt über Reife verfügen, verwelkt sein. Nicht das offensichtlich Schöne ist das Erstrebenswerte, sondern erst durch den Gebrauch erlangt ein Gegenstand, ein Tisch, ein Teekessel seine wahre Erhabenheit (oder auch eine Beziehung, eine Freundschaft?) Gerade die Einfachheit, die Unregelmäßigkeit, der Hinweis auf den natürlichen Verschleiß als Zeichen des Prozesses des Übergangs ins Nichts, zeigt die Größe. Die Schönheit kann aus der Hässlichkeit hervorgelockt werden.

 

Hier sind zwei Beispiele für Wabi-Sabi, einmal Stein, einmal Holz. Unregelmäßig, benutzt, verwittert, verschlissen.

Blood on the Dancefloor
Wabi-Sabi in der Medizin; Foto by Dr. B.Onobo

Das Bild oben zeigt Blutspritzer auf dem Boden im OP. Die Situation, nach der das Bild entstand, erforderte zügiges Handeln. Doch gleichzeitig, zwischen zwei Wimpernschlägen, fand ich mich in einem dieser Momente wieder, in dem ich die Schönheit im Verschleiß als Zeichen des Prozesses des Übergangs ins Nichts sehen konnte.  Auch der Patient war verschlissen, schon vor der Operation. Das Gesicht ähnelte dem des Covers vom The Cure-Album „Staring at the Sea“ aus dem Jahr 1986. Achtzig „Pack Years“ Zigaretten ließen ihn deutlich älter aussehen und auch sein, als er eigentlich war. Der Patient überlebte die, wie die CSI-Profis am Spritzmuster gleich erkannt haben, arterielle Blutung. Der Übergang ins Nichts wird erst später folgen.

Zurück in die Bar.

– „Verwitterte Schönheit, die Schönheit im Unvollkommenen erkennen.“, sagte ich.

-„Ich glaube, ich weiß genau, was Du damit meinst.“

 

PS Sinnlose Superkraft: Löcher in den Socken nur an der Oberseite bekommen.

 

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