Mogelpackungs-Syndrom

„Das Problem mit der Welt ist, dass die intelligenten Leute voller Zweifel sind, während die Dummen voller Selbstvertrauen sind.“

— Charles Bukowski

Trump kennt es nicht. Das ist sicher. Die meisten anderen Menschen (bis zu 70%!) haben es zumindest einmal im Leben. Das Imposter-Syndrom, auch Hochstapler- oder Mogelpackungs-Syndrom genannt. Es beschreibt das Gefühl, seine Erfolge nicht internalisieren, also auf die eigene Anstrengung zurückführen zu können. Stattdessen hat man das Gefühl, die eigenen Erfolge wären reines Glück. Deshalb entwickelt man eine Angst davor, als „Hochstapler“ enttarnt zu werden, der eigentlich gar nicht in die Position gehört, in der er (oder sie) sich gerade befindet. Zu dieser Angst gesellen sich oft noch Depressionen.

Ursprünglich wurde das Syndrom bei Gesprächen mit erfolgreichen Frauen entdeckt. Im Laufe der Zeit wurde allerdings klar, dass es sich dabei nicht um ein geschlechterspezifisches Problem handelt. Außerdem ist das Problem in kreativen Berufen stärker vertreten – und zwar aus diesem Grund: Ein Mensch, der viel erreichen möchte, lernt viel, strengt sich an und übt. Er hat Talent, er arbeitet fleißig und möchte sehr gut werden in dem, was er tut. Nach der Schule, der Ausbildung oder der Universität landet er in einem beruflichen Umfeld, in dem viele ähnlich wie er qualifiziert, engagiert und intelligent sind. Talent spielt auch bei kreativen Berufen eine eher überschätzte Rolle; entscheidend ist vielmehr die Begeisterung für das, was einen am Herzen liegt und die Zeit und die Arbeit, die man in das Erlernen seiner Fähigkeiten investiert.  Bei ähnlichen Voraussetzungen (Talent und die an den Tag gelegte Beharrlichkeit) spielt Glück auch immer – und zwar bei jedem – eine Rolle. Dass auch andere Glück haben, ist aber von außen für einen selbst nicht sichtbar und man bekommt den Eindruck, dass die eigenen Erfolge ausschließlich auf Glück zurückzuführen sind. Von da an fürchtet man, es könne „herauskommen“, dass man eigentlich nur Glück gehabt hat und die Stelle, die Position, den Job überhaupt nicht verdient hat. Da bei kreativen Berufen mehr das „Talent“ gelobt wird, man selbst jedoch „nur“ viel arbeitet und auch noch Glück gehabt hat, ist man in den eigenen Augen völlig fehl am Platz. Ein Hochstapler. Banker haben das Gefühl seltener, da in dem Beruf “Talent„ keine so große Bedeutung beigemessen wird – oder haben sie schon mal jemand sagen hören: “Das ist aber ein außerordentlich talentierter Banker““? Ähnliches gilt für Steuerberater, wenn man mal von Ben Affleck in „The Accountant“ absieht. Dabei wird außer Acht gelassen, dass Glück, tatsächlich gleichmäßig verteilt ist und jeden gleichermaßen ignoriert. Die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, heißt Stochastik und erklärt, warum in Salzburg und in Las Vegas immer die Bank gewinnt. Auf lange Sicht.

Jemand, der seinen Erfolg dem zum Trotz gut internalisieren konnte, ist Bernhard Langer. Er war der deutsche Tiger Woods und der erste Deutsche, der beim Golf internationale Beachtung erfuhr. Bei einem Turnier – es stand sehr knapp und es ging um den Titel – schlug er den Ball in einen Baum, der dort in einer Astgabel liegenblieb. Das normale Prozedere in so einem Fall ist, den Ball „verloren“ zu geben; und damit hätte er auch das Turnier sicher verloren. Stattdessen kletterte auf den Baum und schlug den Ball zurück auf das Grün, rettete das Par (Golfer wissen was das heißt; ich nicht, aber mag daran liegen, dass ich – gelegentlich zumindest – noch Sex habe); und das wiederum sicherte ihm den zweiten Platz im Turnier. In der darauffolgenden Pressekonferenz wurde er von einem Reporter eher konfrontiert als gefragt:

„Da haben Sie aber Glück gehabt!“

Worauf Langer antwortete:

„Sicher hatte ich Glück. Das Seltsame ist nur, je mehr ich übe, desto mehr Glück habe ich!“

So ganz anders Donald der Trumpel, denn bei ihm ist das Gegenteil der Fall. Als ausgewiesener Narzisst und Psychopath zweifelt er nicht im Geringsten an sich und rechnet alles, was irgendwie gut oder zumindest nicht als totales Versagen daherkommt, seinem eigenen Verdienst zu. Mehr noch; bei ihm greift sogar der Dunning-Kruger-Effekt. Dabei handelt es sich um eine geistige Verzerrung, da man selbst so inkompetent ist, dass man das eigene Unvermögen gar nicht erkennen kann, da einem genau dieses Wissen fehlt, um sich der eigenen Unfähigkeit bewusst zu werden.  „Du bist so dumm, dass Du es nicht mal merkst!“ Kommt häufiger vor. Sie kennen bestimmt auch so jemanden. Ich kenne da mehrere Kollegen. Und die dürfen auch alle wählen gehen. Oder sich wählen lassen. Hat man ja gerade gesehen.

„Das Problem mit der Welt ist, dass die intelligenten Leute voller Zweifel sind, während die Dummen voller Selbstvertrauen sind.“

— Charles Bukowski

 

 

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