Drei Farben

Wenn im OP geröntgt wird, besteht das Strahlenschutzgesetz darauf, dass der Strahlenschutz eingehalten wird.

Jeder, der in einem so genannten Kontrollbereich tätig ist – das ist jeder OP, in dem geröntgt wird und somit betrifft das fast jede(n) – muss einen Strahlenschutzgrundkurs machen. Weiterhin muss er diesen alle fünf Jahre auffrischen und  zusätzlich jährlich  an einer einstündigen „Strahlenschutzunterweisung“ teilnehmen. Das Gesetz wurde von vier Anwälten und zwei Radiologen entworfen, die sich und ihrem Berufsstand damit eine Lizenz zum Gelddrucken geschaffen haben. Die Kurse und Unterweisungen sind Pflicht für jeden Mitarbeiter und müssen natürlich bezahlt werden. Wie die meisten gesetzlich vorgeschriebenen Kurse sind sie sehr schlecht bis unterirdisch grottig. In Schulnoten von Eins bis Sechs eine glatte Neun. Verlorene Zeit meines Lebens. Ich trauere jeder Minute nach, die ich da wegschmeiße. Oft ist sogar nackt über Glassplitter robben eine verlockendere Alternative. Es kann natürlich sein, dass es auch Radiologen gibt, die diese Kurse interessant und sinnvoll gestalten, nur kenne ich niemanden, der das schon einmal erlebt hätte; und ich habe es in den letzten zehn Jahren selbst leider auch nicht erlebt. Meine Gedanken verfinstern sich schon, wenn ich nur daran denken muss.

Der konkrete praktische Schutz, der hingegen tatsächlich wichtig ist, sieht so aus, dass die Mitarbeiter in unmittelbarer Nähe des Durchleuchtungsgeräts eine Röntgenschürze tragen.  Wenn man den ganzen Tag in einem unfallchirurgischen Saal steht, trägt man den ganzen Tag eine schwere Röntgenschürze. Viele, die dauerhaft in einem solchen Bereich arbeiten, haben sogar personalisierte Schürzen. Mit Namen und so; man kann an einem Klettband sein Namensschild anbringen. Auf einer Schürze, die von einem kleinen, etwas korpulenteren Arzt getragen wird, steht „Dr. Mabuse“. Wer ist Dr. Mabuse, frage ich, da der Arzt einen längeren Namen trägt und tue so, als sei ich nicht alt genug um zu wissen, wer Dr. Mabuse war.

„Das bin ich!“ sagt er.

„Ich dachte, Du bist der Frosch mit der Maske!“

Wer für Edgar Wallace-Anspielungen zu jung ist, dem sei zumindest der Film „Das indische Tuch“ ans Herz oder um den Hals gelegt. Man kann eben diese auch in allerlei verschiedenen Farben und Mustern bestellen. Nicht die Halstücher, sondern die Röntgenschürzen. Bei einigen sind Blümchen oder Schmetterlinge beliebt. Richtig, das sind die Menschen, die sich eher mit ihrer femininen Seite identifizieren. Andere bevorzugen Flammen- oder Tarn-Muster. Wieder richtig, diese Menschen identifizieren sich mit ihrem inneren Unfallchirurgen. Ich trage gerne „Pink Camouflage“, weil das am besten zu meiner Unterwäsche passt. Ich identifiziere mich am ehesten mit einem Bonobo. Diese Unterwäsche-Antwort auf die Frage „Warum ausgerechnet dieses Muster?“, verwirrt den Fragesteller meistens und wird gefolgt von einem ungläubigen Blick in die Lendengegend. Mir gefällt es, Leuten beim angestrengten Nachdenken zuzusehen. Wie auch immer; vor kurzem habe ich „meine“ Röntgenschürze gefunden. Sie ist dreifarbig und die Farben repräsentieren in gleichen Maße meine Seele, meinen Charakter und meine Stimmung: Sie ist Schwarz.

PS: Sinnlose Superkraft: Am Ende von jeder Wäsche immer noch einen einzelnen Socken aus der Waschmaschine zu ziehen.  (Fremde Socken wohlgemerkt)

Kommentar verfassen